Reisetagebuch: 21.03. – 01.04. 2024
www.terraarte.it
11 Tage in Terra Arte – Blera und zurück.
Donnerstag: Abfahrt 7:00 – Donnerstag 1:00 Übernachtung nähe Ferarra im Auto
Freitag: 5:00 Espresso, Croissants, Weiterfahrt Ankunft Blera 10 Uhr Freudige Begrüßung durch Sandro, Katze und seine 5 Hunde. Eine leckere Pasta köchelte schon am Ofen. Nach Essen und Espresso, gemeinsamer Rundgang durch den Park. Sandro zeigte mir auch die möglichen Plätze, die für meine Installation zur Verfügung stehen.
Zeit nehmen – den Ort spüren – der Wind fährt durch die Haare und die Zehen bohren sich durchs Gras in die rotockerfarbene Erde. Hier wird meine Arbeit entstehen, zwischen fünf Ölbäumen, die schon hunderte Jahre ihre Wurzeln tief in den Boden bohren und die Äste weit in den Himmel strecken.
Man muss die Bäume verstehen, genau hinschauen, hinhören, um in mitten dieser, eine Plastik installieren zu dürfen. (Ich habe die Olivenbäume gefragt und sie haben nicht nein gesagt)
Das Auge folgt der knorrigen Oberfläche der Bäume. Die Hand folgt der Natur, der Stift versucht die durch Sonne, Wasser und Wind zerfurchten Lebewesen einzufangen.
Samstag: Versuch einer dem Naturort entsprechenden Kunstinstallation zu zeichnen und planen.
Die Planung bleibt bei Versuchen. Um in und mit der Natur zu arbeiten, muss ich stets offen für Veränderungen sein.
Lunchtime: Carne, Pasta und Wein
Nachmittag: Beginn mit dem ersten Hörrohr, die passenden Winkel eruieren:
D er Winkel soll kein Winkel sein, durch Anordnung mehrerer Winkel-Knicke zueinander, muss beim Betrachter der Knick zur schön geschwungenen Form werden. Die Hörrohre sollen sich förmlich wie Regenwürmer aus der Erde winden, vermitteln, dass sie tief unten aus der Erde kommen. Erde – die Mutter allen Lebens
Sonntag: Sandro ist mit Donatella in die Toskana gefahren. Ich mach mir Gedanken über die Umsetzung und bin der Natur auf der Spur.
Hier in Terra Arte ist die Natur noch in Ordnung wobei der Begriff Ordnung hier nicht zutreffend ist. Hier kann jede Pflanze wachsen wo sie will, das Wachstum ist nicht gehemmt durch Beton und schwarzen Asphalt. Übermäßigem Wachstum wird lediglich durch Schafe Einhalt geboten. Alles ist ausgeglichen, ohne dem Zutun des Menschen.
Hier kann noch jeder Käfer seiner Bestimmung nachgehen. Schmetterlinge, Eichelhäher, Wiedehopf und diverse selten gewordene Vögel teilen sich den Himmel.
Hier wird einem so sehr bewusst:
Wir Menschen brauchen die Natur – die Natur aber uns Menschen nicht.
Um 17:00 Uhr wurde ich von Nicole einer Freundin von Sandro abgeholt. Wir machten eine Treckingtour durch die Wälder, Schluchten, römische Brücken, Etruskische Gräber um Blera. Wir folgten Kilometer lange Bewässerungstunnel, durch die Berge, wandelten auf der Via Aurelia und schlieften durch die engen Gassen von Blera und das meiste davon im Dunkeln. Nach einem feudalen Abendessen mit Pasta, Wildschwein, Trüffel Gnocchi und und…im Ristaurante Da Beccone landeten wir bei einem Glas Rotwein im kleinen historischen Häuschen von Nicole.
M ontag: Heute war ich fleißig, bin gut weitergekommen, arbeitete bis in die dunkle Nacht. Nachdem ich in den Vortagen viel experimentiert, verschiedene Neigungswinkel und Drehungen ausprobiert hatte, ging mir heute die Arbeit leicht von der Hand. Zwei der Hörrohre sind nun fertig.
Mittags hat mich der Hunger übermannt, und ich brutzelte mir in der Pfanne ein schönes Stück Fleisch, mit Tomaten und Minizucchini. Dazu italienisches Weißbrot und natürlich ein Glas Weißwein. So ein wunderschöner Sonnentag muss genutzt sein, Hausbank und Tisch laden ein. Den Teller hingestellt, das Besteck noch schnell geholt, und schwups war das Fleisch weg. Mein Carne hat Cane (Theresa) geklaut. Ein Sinnbild geht mir durch den Kopf: Flora und Fauna holen sich wieder zurück was wir entnehmen. Bilder von mit Vegetation überwuchertem Asphalt und Städte manifestieren sich in meinem Gehirn.
Wildschweine und Vögel zischen durch verlassene Straßen. Schön so eine renaturierte Stadt.
Dienstag: Regen, Regen, Regen ist auch Natur und der Boden braucht ihn. Mich aber hemmt dieser bei der Arbeit. Heute geht nicht sehr viel weiter. – Lazy Day
Abend: Donatella und Sandro sind zurück. Gemeinsames Zusammensitzen mit Steno, ein Diplomat aus Bratislava, der hier in Blera ein Häuschen hat und die Leute von Blera und die kulturellen Zusammenhänge gut kennt. Es gibt Bohneneintopf mit klein gemörserten Spaghetti, Olivenöl, Rosmarin, Parmesan und viel Wein.
Die Nähe zu den Ölbäumen erfordert eine Umkonzipierung meiner Planung. Sie dürfen nicht zu viel Platz einnehmen, nicht den Raum der alten Bäume stören, eine eigene Einheit bilden, ich reduziere die Anzahl, dafür sollen sie höher dem Himmel entgegen ragen.
Mittwoch: Regen, Regen, Regen der Schweißdraht geht mir aus. Mittag: es gibt Linseneintopf mit Salsiccia und Pasta mit Pomodori und Funghi. Natürlich gibt’s Wein dazu.
Am späteren Nachmittag werden Schweißdraht und noch schlankere Rohre und natürlich Wein besorgt, danach geht’s zu Tommaso in sein Atelier in Bomarzo.
U nterhalb des Schlosses in Bomarzo ist ein flaches langgestrecktes, historisches Haus. Was man nicht sieht, ist, dass es 3 Stockwerke den Hang hinunter geht. Riesige Räume die früher dazu gedient haben um Tabak zu trocknen, sind jetzt Ausstellungsräume, Archive und Ateliers. Tommaso stammt aus einer Künstlerfamilie, auch sein Vater war ein berühmter und begnadeter Bildhauer und dessen Vater und dessen Vater…. Tommaso hat eine unglaubliche Fantasie, seine Arbeiten bestechen durch Einfachheit und Humor. Bei einem Risotto Funghi und ein paar Gläschen Wein starteten wir mit der Planung für die Skulpturenausstellung in Hellbrunn, – viel palare über die Art der Publikation, den Ausstellungstitel „Kreaturen der Natur – ein Märchen in Hellbrunn“ oder so.
Donnerstag: Mit neuem Schweißdraht und Rohren kann ich meine Arbeit fortsetzen. Nun habe ich bald alle meine Hörrohre fertig. Nach Pasta, Wein und Espresso geht’s nachmittags nach Rom. Sandro und ich stellen unser Hellbrunn-Projekt 2025 Frau Dir. Teresa Indjein vor, mit der Bitte um Unterstützung. Frau Dir. Teresa Indjein erkundigt sich, wie wir kommunizieren, wenn Sandro nur wenig Englisch spricht, und ich nur wenig Italienisch verstehe. Die Antwort war zufriedenstellend und zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht: Wir unterhalten uns über die Sprache der Kunst, diese ist international.
Danach ein Minirundtrip durch Rom. Piazza Poppolo ein Ausstellungsbesuch von Marco Mila (eine Installation in einem riesigen Brennofen im Atelier von Canova), dem Tempieto von
Bramante, und zurück nach Blera. Carne, Pasta und Wein warten schon.
F reitag: Nachdem es morgen regnen kann, lege ich alles daran heute noch die Skulpturen aufzustellen. Früh am Morgen beginne ich mein Werk. Die Anker zur Befestigung im Boden müssen pfeilgerade angeschweißt werden. Dies ist ein schwieriges Unterfangen, da an meinen krummen Rohren aber schon gar nichts gerade ist.
Um 16:30 Uhr habe ich es geschafft alles zur Montage fertig zu stellen. Nun geht’s zur Installation zu meinen Olivenbäumen. Inzwischen sind diese zu meinen Freunden geworden, ich kenne jeden einzelnen. Bis in die dunkle Nacht arbeiteten wir bei Flutlicht, um die Hörrohre in dem Boden zu verankern:
Aufstellen – betrachten – verrücken – wieder aufstellen – drehen – verwerfen – neue Komposition ausprobieren – drehen – betrachten – verankern… Bis spät in die Nacht komponierten und probierten wir die perfekte Installation. – Ich glaube jetzt passt’s. Morgen werde ich bei Tageslicht sehen, ob alles aufgegangen ist.
Samstag: Hält der Tag das, was die Nacht versprochen hat? – wunderschööön nur ein bisschen hier drehen, dort drehen – fertig- alles passt!
Was ich in der Planung noch nicht wusste: Von den Hörrohren geht wirklich ein leichtes dunkles wummern, ein Basso continuo aus. Wahrscheinlich ist der stehte Wind, der über die Rohre streicht dafür verantwortlich, aber genau weiß ich es nicht. – Einfach magisch.
Wichtig! – Die Installation fotografisch dokumentieren, dies ist das Einzige, was mir von meinem Werk bleibt, abgesehen von einer schönen Erinnerung an die gemeinsame Auseinandersetzung, an einen Eindruck, der mit der Zeit verblasst.
Mit Großskulpturen ist es ähnlich wie mit Kindern aber in einer Zeitraffer- Sequenz: Man plant, setzt viel Intension in die Entstehung und Weiterentwicklung, hofft, dass alles gut wird. Erst wenn sie erwachsen sind, weiß man, ob alles was man wollte auch gelungen ist, man alles richtig gemacht hat.
Sobald Sie entwachsen sind, muss man sie abgeben, Ihre eigenen Wege gehen lassen.
Jetzt habe ich den Kopf frei, jetzt kann ich auf den Spuren der Etrusker, der Römer, der Natur in und um Blera wandeln – Sightseeing steht an.
Abensds: einer der letzten gemütlichen Abende, in der Provinz Viterbo
Sonntag: Räumen, packen, mich von meinem Werk, Artpark, Katze und 5 Hunden verabschieden. aufgeregt schwänzeln und hüpfen sie um mich herum. Mein nächstes Ziel ist der mystische Monsterpark von Bomarzo. Eine Leistungsschau der Großplastik und Gartengestaltung aus dem 15. Jhdt. .
M it Sandro und Donatella und einem Filmemacher treffe ich mich in Sorriano. In einem großen, alten, verfallenen, morbiden Palast. 20 Positionen, von 20 Künstlern, nehmen in dem verfallenen Palazzo Chigi Albani Platz. Sandro und Tommaso Cascella stellen hier auch aus.
In dem verfallenen Palast haben sich ein paar Künstler zusammengetan und bespielen nun die Räume, die mit herunter gekommenem Charme alte Zeiten erlebbar machen. Wir haben leider dafür nur kurz Zeit und schon geht’s ab zu Tommaso, der ein Lunchessen (Künstlergelage) geplant hat. Alle möglichen Speisen, viel Wein, viel palare, Gedichte werden zum Besten gegeben, über Kunst und Politik philosophiert… Gegen 19:00 Uhr mache ich mich auf den Weg nach Seggiano, da ich gleich morgen Früh höchst wahrscheinlich bei strömendem Regen den Skulpturenpark von Daniel Spoerri (ein Schweizer Künstler) erkunden werde. Nachts geht’s noch weit in die Toskana. Das Auto schlängelt sich rauf, runter und den Bergen entlang. Abendessen in Seggiano einem süßen Örtchen in der Toskana. Schlafen im Auto.
Montag: Um 10 Uhr früh sperrt der Skulpturenpark auf. Ich verbringe dort 3 Stunden. Derzeit sind 113 Installationen von 55 Künstlern, auf dem etwa 16 ha großen Gelände zu erwandern. Neben den Bronzen von Daniel Spoerri, gibt es Arbeiten von Eva Apelli, Katharina Duven, Luciano Massari, Bernhard Luginbühl, Meret Oppenheim, Roberto Barni, Not Vital, Erwin Wurm, Dani Karavan, Nam June Paik, Johann Wolfgang Goethe,…und viele viele mehr. – Ein Festival für die Bildhauerei im Olivenhain in mitten der Toskana im Nirgendwo.
Heimfahrt nach Salzburg – Ankunft um 11:30 pm